„Wir müssen robotische Systeme schneller in die Praxis bringen“

Robotik in der Pflege – Chancen und Herausforderungen

Können Pflegeroboter schon direkte Pflegetätigkeiten übernehmen? Und was braucht es, damit technische Systeme die Pflege wirklich entlasten können? Wir haben bei Prof. Dr. Patrick Jahn, Experte für neue Pflegetechnologien, nachgefragt.

Prof. Dr. Patrick Jahn ist Professor für „Versorgungsforschung – Pflege im Krankenhaus“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Kuratoriumsmitglied der B. Braun-Stiftung. Er forscht zur patientenzentrierten Integration digital-assistiver Technologien in die Gesundheitsversorgung.

Herr Professor Jahn, gibt es bereits Pflegeroboter, die beim Anziehen oder Umpositionieren unterstützen – also bei Tätigkeiten in der direkten Pflege?

Es gibt dazu viele Forschungsprojekte, zunehmend auch in der humanoiden Robotik. Bislang gibt es noch keine anwendungsfähige Lösung, mit der Roboter direkte Pflegetätigkeiten übernehmen können, die über kommunikative Aufgaben hinausgehen.

In der Automobilindustrie setzen Hersteller wie Mercedes und BMW humanoide Roboter bereits bei einfachen Transport- oder Kontrollaufgaben ein. Warum sind Tätigkeiten in der Pflege für Roboter so viel anspruchsvoller?

Der Umgang mit Menschen stellt ganz andere Anforderungen an die Robotik: Menschen sind nicht vorhersehbar, sie bewegen sich und ändern ihre Bewegungsabläufe. Blech und Stahl hingegen sind starre Strukturen, die einfach zu transportieren sind. Hinzu kommen bei zweibeinigen Robotern noch Stabilitätsprobleme. Fällt ein Roboter in der Industrie um, bleibt das in der Regel ohne Folgen. Im Pflegekontext könnte ein Sturz dagegen Menschen gefährden. Ich gehe aber davon aus, dass künstliche Intelligenz die Entwicklung vorantreiben wird. Mit KI lernen die Roboter schneller und können sich besser an neue Szenarien anpassen. Wir sprechen daher auch von physischer KI oder physical AI.

Welche robotischen Systeme sind in Kliniken und Pflegeeinrichtungen denn bereits im Einsatz?

Das sind vor allem Transport-, Reinigungs- und Serviceroboter. Logistikroboter transportieren zum Beispiel in vielen Kliniken Wäsche, Mahlzeiten, Medikamente oder Pflegematerialien. Autonome Reinigungsroboter werden zur Bodenreinigung eingesetzt. Und in einigen Einrichtungen sind auch Serviceroboter verfügbar, die Getränke anliefern oder der Unterhaltung dienen. Ein Beispiel für Unterhaltung ist der 75 cm große Sozialroboter Navel. Er kann Personen individuell mit Namen ansprechen, über Alltägliches plaudern und sich an frühere Gespräche erinnern.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit die Robotik auch in der direkten Pflege entlasten kann?

Wir müssen robotische Systeme schneller in die Praxis bringen und sie hier – wo sie gebraucht werden – weiterentwickeln. Dabei muss es sich auch nicht gleich um komplexe Tätigkeiten handeln, es reichen einfache assistierende Aufgaben, wie ein Kleidungsstück oder das Essenstablett bis zum Bett bringen. Die technische Funktionalität ist eigentlich da, aber wir müssen schneller werden. Das heißt, wir müssen Szenarien ausprobieren, auch auf das Risiko hin, dass wir nur die Hälfte erreichen. Wenn wir den Einstieg nicht finden, werden diese Technologien nur sehr verzögert kommen.

Warum fällt dieser Einstieg in die Praxis so schwer?

Im Industriekontext ist das Ausprobieren robotischer Systeme natürlich einfacher. Hier sind die Risiken und damit auch die juristischen Konsequenzen geringer als im Pflegeheim oder Krankenhaus. Und natürlich muss die Anwendung neuer Systeme stabil und sicher sein, bevor man sie an Patienten oder Bewohnern testet. Und dennoch: Entwicklung entsteht durch Anwendung. Sonst ist es, als wenn man ein Automobil erfindet, mit dem Fahren aber wartet, bis die Autobahnen da sind.

Wie kann eine Entwicklung robotischer Systeme im Krankenhaus aussehen?

Wir testen seit etwa zweieinhalb Jahren die Anwendung eines komplexen Serviceroboters in einer Dialyseeinrichtung. TIAGo, so heißt der Roboter, hat ein Gesicht, Augen und einen Arm. Wir haben uns mit dem Team zusammengesetzt und gezeigt, was TIAGo kann und was er nicht kann. Die Kollegen hätten sich am ehesten gewünscht, dass der Roboter Spülflüssigkeiten anreicht, die waren allerdings zu schwer für den Roboter. Stattdessen fährt TIAGo jetzt gezielt die Patienten an, fragt, ob sie Unterstützung brauchen, und ruft das Personal. Der nächste Schritt ist, Getränke zu liefern. Dabei werden die großen und kleineren Hürden der Komplexität der Praxis deutlich, die in der Anwendung behoben werden können. Solche Projekte braucht es mehr. Wir müssen die Roboter im System weiterentwickeln, zusammen mit den Anwendenden. Sie müssen dort besser werden, wo sie eingesetzt werden sollen.

Am Münchner Flughafen ist Europas größtes Trainings- und Forschungszentrum für humanoide Roboter und Physical AI – also künstliche Intelligenz mit physischem Bezug – entstanden: das TUM RoboGym. Werden hier auch pflegerische Anwendungen trainiert?

Roboter werden zunehmend nicht mehr durch Programmierung auf eine bestimmte Tätigkeit eingestellt, sondern lernen diese durch menschliche Anleitung und Training. Während Menschen ins Fitnessstudio gehen, gehen Roboter ins RoboGym. Dabei wird die menschliche Bewegung bei der realen Umsetzung von Aufgaben durch Bewegungsaufzeichnung digitalisiert und der Roboter übernimmt sie. Werden diese Bewegungen wiederholt, variiert und in einer großen Datenbank zusammengeführt, können KI-Modelle trainiert und Roboter schneller angelernt werden. Das wird die Fähigkeit der Roboter, praktische Aufgaben zu übernehmen, noch einmal deutlich beschleunigen. Gesundheit ist ein Thema im RoboGym der Technischen Universität München, aber mir sind noch keine Umsetzung von Pflegeanwendungen bekannt. An der Unimedizin in Halle bauen wir gerade ein kleines Robo-Pflege-Gym auf, in dem wir spezifische Pflegeszenarien umsetzen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, um robotische Systeme in der Pflege voranzubringen – wie würden diese lauten?

  • Hersteller und Entwickler, die den Zukunftsmarkt der Pflege erkennen und bereits jetzt gemeinsam mit Pflegenden und Forschenden Anwendungen entwickeln.
  • Einrichtungen, die bereit sind, Zeit und Geld zu investieren, um die Lücke zwischen Entwicklungsstand und Anwendung in der Praxis durch frühzeitige Anwendung zu schließen.
  • Aus- und Weiterbildung im Pflegebereich, die uns durch die Zusammenarbeit mit Robotern und anderen digitalen Technologien auf die kontinuierliche Veränderung unserer Pflegepraxis vorbereitet, damit wir diese unter dem Primat guter Pflege zum Nutzen für unsere Patienten anwenden können.

Text: Brigitte Teigeler

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