5 Hinweise für gute Berührungen in der Pflege

Worauf beruflich Pflegende beim Körperkontakt achten sollten

Ob bei der Körperpflege, beim Mobilisieren oder bei der Wundversorgung – eine Pflege ohne Berührung ist nicht denkbar. Welche Impulse die Basale Stimulation für gute Berührungen liefert, zeigt Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Christel Bienstein auf der Fortbildung für Pflegende 2026.

Wer in der Pflege arbeitet, weiß: Ohne Berührung geht nichts. Pflege ist näher als nah dran und kommt mit Körperregionen in Kontakt, die sonst oft niemand zu Gesicht bekommt. Doch lernen Pflegende, wie gute Körperberührungen gestaltet werden?
Viel zu wenig, findet Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Christel Bienstein: „Pflege ist ein Berührungsberuf. Wir berühren Menschen in den unterschiedlichsten Situationen, oft bei sehr intimen Verrichtungen. Wie Berührungen wirken, und wann, wie und wo wir berühren sollten, lernen wir jedoch nicht.“

Basale Stimulation bietet wichtige Orientierung

Ein hilfreiches Werkzeug für gute Körperberührungen ist die Basale Stimulation. Das Konzept wurde in den 1970er-Jahren von dem Sonderpädagogen Andreas Fröhlich für schwerstbehinderte Kinder entwickelt und in den 1980er-Jahren in Zusammenarbeit von Bienstein und Fröhlich auf die Erwachsenenpflege übertragen.

Das Ziel der Basalen Stimulation ist, wahrnehmungsbeeinträchtigte Menschen zu fördern und zu aktivieren. Dabei geht es um einfache, aber grundlegende Angebote, damit die zu pflegende Person ihren eigenen Körper und die Umwelt neu erspüren und verstehen kann.

„Basale Stimulation ist primär ein Berührungs- und Begegnungskonzept“, erklärt Bienstein. „Über Berührung entsteht eine Begegnung, aus der im Verlauf eine Beziehung wachsen kann.“ Gerade in der Langzeitpflege wüssten die Pflegenden sehr gut, was der zu pflegenden Person gut tut, wo sie berührt werden kann und wo sie vielleicht auch Grenzen oder Ängste hat.

Was gute Berührungen brauchen – 5 Hinweise

Wie Körperberührungen wirken, ist sehr unterschiedlich. Sie können – je nach Kontext und Person – beruhigen, trösten und Schmerzen lindern. Sie können aber auch als unangenehm erlebt werden und schambesetzt sein. Von den Pflegenden erfordert das eine hohe Sensibilität und Wissen, wie Körperberührungen wirken. Mit Blick auf die Basale Stimulation empfiehlt Bienstein folgendes Vorgehen:

1. Kündigen Sie Körperberührungen an

Pflegende sollten die Person informieren, welche Handlungen sie nun durchführen und dass sie sie dazu berühren müssen. Das kann die Akzeptanz von Körperberührungen stärken – unabhängig davon, ob die Person die Information kognitiv versteht oder nicht. Oft hat schon die Stimme eine beruhigende Wirkung.

Bei wahrnehmungsbeeinträchtigten Menschen empfiehlt Bienstein zusätzlich eine Initialberührung – also ein festes Begrüßungs- und Abschiedsritual, das vor und nach jeder Pflegehandlung durchgeführt wird. Diese Initialberührung kann durch Auflegen der eigenen Hand an der Schulter erfolgen, aber auch am Fuß, wenn zum Beispiel mehr Distanz sinnvoll erscheint. „Sie bietet Sicherheit und Orientierung und vermittelt der Person: Ich bin jetzt bei dir“, erläutert Bienstein. Das Team sollte die Initialberührung möglichst einheitlich durchführen.

2. Nehmen Sie Reaktionen sensibel wahr

Eine gute Beobachtung, wie Menschen auf Körperberührungen reagieren, ist entscheidend – gerade, wenn eine verbale Kommunikation nicht möglich ist. „Pflegende sollten sehr feinfühlig wahrnehmen, wie die zu pflegende Person auf eine Berührung reagiert“, sagt Bienstein. Weicht sie zurück? Atmet sie plötzlich schneller? Verzieht sie das Gesicht?

Bei dieser Beobachtung sollten die Pflegenden die Angehörigen einbinden, vor allem bei wahrnehmungsbeeinträchtigten Menschen. Sinnvoll können auch Fragen zur „Berührungsbiografie“ sein: „Welche Rolle spielt Körperkontakt in Ihrer Familie? Welche Berührungen mag Ihr Angehöriger? Welche nicht?“

3. Nutzen Sie das Wissen über gute Berührungen

Das Berührungserleben ist individuell. Dennoch spielt es eine wichtige Rolle, wie die Berührung erfolgt. „Großflächige Berührungen werden oft als beruhigender wahrgenommen als punktuelle“, erläutert Bienstein. „Die Bewegungen sollten mit Ruhe und konstantem Druck ausgeübt werden. Die Streichgeschwindigkeit sollte nicht zu schnell und nicht zu langsam sein.“

Bei wahrnehmungsbeeinträchtigten Menschen sollte der Körperkontakt über die Initialberührung beginnen. Von dort aus bewegen sich die Hände ruhig und fließend zum eigentlichen Ort der Handlung. „Die Haltung der Pflegenden spielt bei der Berührung eine grundlegende Rolle“, betont Bienstein. „Man spürt sehr genau, ob eine Person mit Achtsamkeit berührt oder ob sie einfach nur jemanden anfasst.“

4. Binden Sie die Angehörigen ein

Berührungen von nahestehenden Menschen werden als besonders beruhigend und wohltuend erlebt. Daher sollten Pflegende die Angehörigen gezielt ermutigen, das erkrankte Familienmitglied zu berühren, zu streicheln, in den Arm zu nehmen. Gerade auf einer Intensivstation sind Angehörige oft unsicher, ob und wie sie ihr Familienmitglied anfassen dürfen und benötigen Anleitung.

„Dazu gehört auch zu erklären, wie Berührungen wirken“, sagt Bienstein. „Legt man zum Beispiel seine Hand auf die der anderen Person, ohne die eigene Hand zu bewegen, kommt es zu einer Habituierung. Dann spürt die andere Person den Körperkontakt nicht mehr.“ Besser sei es, die Hand zwischendurch zu bewegen, zu streicheln und dabei vielleicht zu sagen: „Ich bin da und passe auf dich auf.“

5. Akzeptieren Sie Ablehnung

Es kommt vor, dass die zu pflegende Person eine Berührung durch die Pflegeperson ablehnt – trotz guter vorheriger Erklärung. Gerade bei Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen ist das häufiger zu beobachten und sollte in jedem Fall respektiert werden.

„Auch wenn eine Person sich plötzlich steif macht, sollte die Pflegeperson die Handlung unterbrechen“, empfiehlt Bienstein. Hilfreich kann es sein, einen Moment zu warten und einige Minuten später einen neuen Versuch zu starten. Manchmal kann auch ein Personenwechsel helfen.

Berührung gehört in die Lehrpläne

Die Pflege ist ein Berührungsberuf – aber wie man richtig berührt, wird in der Pflege viel zu wenig thematisiert, findet Bienstein. Sie wünscht sich, dass Grundlagen zur Haut und zum Tastempfinden bereits in der Ausbildung und im Studium vermittelt werden. Doch noch sei das bewusste Erlernen von Berührung in keinem Curriculum verbindlich verankert – auch nicht in der generalistischen Ausbildung.

„Ich würde mir wünschen, dass Pflegende Berührungen gezielt üben, von Beginn der Ausbildung an“, sagt Bienstein. „Sie sollten lernen, dass Menschen Berührungen wahrnehmen – auch dann, wenn sie sich nicht äußern oder von außen nicht ansprechbar wirken. Dieses Bewusstsein und ein reflektierter Umgang mit Berührung gehören für mich grundlegend zur Pflege.“

Text: Brigitte Teigeler

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