„Die Primärprävention hat noch Aufholbedarf“

Chancen der Gesundheitsförderung für eine professionelle Pflege

Gesundheitsförderung durch Pflegende – ein alter Schuh? Überhaupt nicht, findet Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung. Auf der Fortbildung für Pflegende 2022 wird er aufzeigen, was sich in Sachen Gesundheitsförderung getan hat – und warum diese untrennbar mit einer professionellen Pflege zusammenhängt.

Herr Prof. Weidner, in Ihrem Vortrag auf der Fortbildung für Pflegende geht es um „professionell und gesundheitsförderlich pflegen“. Was macht eine professionelle Pflege heute aus?

Professionalität im Pflegeprozess zeigt sich im Alltag durch eine Kombination von aktuellem Wissen, das auf praktische Situationen und Fälle angewandt wird. Wir können von Regelwissen sprechen, das sich zusammensetzt aus beruflichem Wissen und Erfahrungen und zunehmend auch aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, die in Leitlinien und Studien zu finden sind. Und wir können von Fallverstehen sprechen, das bedeutet, den individuellen Patienten und seine Situation zu sehen, also ein Verständnis für den speziellen Fall zu entwickeln. Diese beiden Seiten, – Regelwissen und Fallverstehen –zusammenzubringen, macht pflegerische Professionalität heute aus und ist mit Blick auf die Organisation von Pflegeprozessen der Pflege vorbehalten.

Und was bedeutet es, gesundheitsförderlich zu pflegen?

Das Thema Gesundheitsförderung hat sich in den vergangenen Jahren immer weiterentwickelt. Heute diskutieren wir über Gesundheitskompetenz, das heißt, dass Menschen in der Lage sind, Gesundheitsinformationen zu finden und zu bewerten, ob diese auch zutreffend und – unter wissenschaftlichen Aspekten – belastbar sind. Der Beitrag der professionellen Pflege ist hier, Menschen zu einer solchen Gesundheitskompetenz zu befähigen, aber auch gesundheitsförderliche Verhältnisse für Menschen oder Gruppen zu schaffen – ebenfalls im Kontext von Regelwissen und Fallverstehen.

Wird die Förderung der Gesundheitskompetenz denn auch von den Pflegenden selbst als ihre Aufgabe gesehen?

Ja und nein. Was die Prophylaxen betrifft – die eine Maßnahme der Sekundärprävention sind –, wird das schon lange praktiziert. Hier werden Patient:innen zum Beispiel nach einer Operation beraten, was sie tun können, um Komplikationen wie Pneumonien oder Thrombosen zu vermeiden. Im Gegensatz dazu hat die Primärprävention und Pflegeberatung noch Aufholbedarf. Es geht dann darum, Krankheit oder Pflegebedürftigkeit bereits im Vorfeld zu vermeiden und ganz grundsätzlich die Gesundheit der Menschen zu fördern.

An wen richtet sich eine Primärprävention durch Pflegende – an alle Menschen?

Sie richtet sich vor allem an Risikogruppen, die gefährdet sind, bestimmte Krankheiten zu entwickeln, oder Menschen mit besonderen Bedarfen. Das sind nicht nur Senior:innen, sondern können auch Kinder aus sozial schwachen Familien sein, minderjährige Mütter oder Menschen mit Migrationshintergrund. Diese Menschen zu sensibilisieren und zu beraten und sie kontinuierlich zu begleiten, ist anderen Ländern schon lange Aufgabe der Pflege. Sie sollte auch hierzulande stärker in den Blick genommen werden.

Gibt es dazu schon Ansätze?

Ein Ansatz, der sich in vielen Ländern etabliert hat, ist Community Health Nursing. Auch in Deutschland gewinnt das Thema an Bedeutung, z.B. in der Politik. Hier sind speziell ausgebildete Pflegende in der Primärversorgung von Risikogruppen, in Kommunen und Quartieren tätig. Das reicht von präventiven Hausbesuchen über Sprechstunden bis hin zu eigenständiger Behandlung. Wenn man das alles zusammennimmt – professionelle Fallarbeit, Vorbehaltsaufgaben, Befähigen zur Gesundheitskompetenz, erweiterte Heilkundeausübung etc. –, ist das ein Wahnsinnsspektrum, was Pflegende heute zusätzlich übernehmen können. Die pflegerische Arbeit wird dadurch weiterentwickelt und aufgewertet.

Interview: Brigitte Teigeler

Diskutieren Sie mit auf der Fortbildung für Pflegende am 2. Dezember 2022!

Prof. Dr. Frank Weidner ist Referent des Vortrags: „Professionell und gesundheitsförderlich pflegen – was heißt das heute? (09.50 bis 10.10 Uhr) und Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Zwischen Schülervertretung und Regierungskommission – Pflege in der Professionalisierungsfalle“ (11 bis 11.40 Uhr).

1 Kommentar zu „„Die Primärprävention hat noch Aufholbedarf““

  1. Hans-Joachim Zahn

    Es gibt einige Faktoren, die aus meiner Sicht adäquat sind. Pflege und Medizin sind zu trennen. Es kann nicht sein, dass eine Pflegekraft ohne ärztliche Anordnung keinerlei Handhabung hat.
    Es kann nicht sein, dass Pflegekräfte auf der einen Seite nach SGB11 und auf der anderen Seite nach SGB5 vergütet werden, bei gleicher Leistung. Pflege bedeutet immer ganzheitliche Versorgung und das hat die Medizin völlig aus den Augen verloren.

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